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Malteser Zentrum Handchirurgie

Adipositas-Tag: Was kommt nach dem großen Abnehmen?

Am 19. Mai war europäischer Adipositas-Tag. Grund genug, einen Blick auf die Probleme zu werfen, vor denen Betroffene stehen, wenn sie geschafft haben, was gesundheitlich notwendig ist: viel Gewicht verlieren. Dr. med. univ. Maria Wiedner leitet die Plastische Chirurgie im Malteser Krankenhaus Seliger Gerhard Bonn/Rhein-Sieg - und sagt, wie es nach dem großen Abnehmen weitergeht.

21.05.2018

Wenn Menschen viel Gewicht verlieren, bleibt häufig viel überschüssige Haut, die der Körper nicht zurückbilden kann. Wo liegt das Problem?
Wiedner: Nach einem großen Gewichtsverlust fehlt dem Hautmantel meist die Elastizität, um sich dem nun schlankeren Körper anzupassen Es bleibt immer ein überschüssiger Haut- und Fettanteil. Zudem sind die Muskeln der Bauchwand meist ausgeleiert, was bei der Rekonstruktion der Körperform nach massiver Gewichtsreduktion mitbehandelt werden muss.
Dabei geht es nicht nur den ästhetischen Aspekt: Die überschüssigen Hautfalten und -schürzen stören häufig mechanisch bei dem, was gerade in der Phase während und nach der Gewichtsreduktion so wichtig ist, zum Beispiel beim Laufen oder Radfahren. Außerdem bildet sich zwischen diesen Falten vermehrt Schweiß, was besonders in der warmen Jahreszeit auch zu Wunden führen kann.

Was können Betroffene dagegen tun?
Wiedner: Bis zu einem gewissen Grad können können Sport und andere Maßnahmen eine Verbesserung erzielen. Ab einer Gewichtsabnahme von 50 bis 60 kg ist eine vollständige Rückbildung des Hautüberschusses ohne Operation aber nicht mehr möglich.

Operation ja oder nein - wie wird diese Entscheidung getroffen?
Wiedner: Ob eine Körperstraffung nach starker Gewichtsabnahme sinnvoll ist, lässt sich neben dem klinischen Befund am besten an Hand des Body Mass Indexes bewerten. Der BMI sollte zumindest unter 32 liegen, damit diese Operationen Sinn macht und das Risiko für Komplikationen gering bleibt. Ideal ist natürlich ein stabiler BMI unter 25, also an der Grenze des Normalgewichts. Nach der Gewichtsreduktion sollte nicht sofort die Operation geplant, sondern eine "Eingewöhnungszeit" berücksichtigt werden. Natürlich möchten viele Betroffene nach ihrem Erfolg gegen die Kilos sofort die verbleibenden Probleme angehen. Aber es ist durchaus sinnvoll, damit einige Zeit zu warten, bis das Gewicht - und der BMI - stabil sind.
Was dabei nie außer Acht gelassen werden darf: Betroffene haben einen harten Weg hinter sich und mit einer konsequenten Ernährungsumstellung, viel Bewegung, einer Magen-Operation und begleitenden Maßnahmen viel Gewicht verloren. Trotzdem sind sie mit dem Ergebnis nicht glücklich, weil nun zwar die vielen Kilos weg sind, aber unschöne und störende Hautlappen das Bild prägen. Darunter leiden viele Betroffene enorm. Dieser psychische Leidensdruck sollte bei der Entscheidung, ob eine Operation durchgeführt wird, unbedingt berücksichtigt werden.

Was passiert bei der Operation?
Wiedner: Je nachdem welche Stellen betroffen sind und wie groß der Hautüberschuss ausfällt, sind ein oder mehrere Straffungsoperationen notwendig. Bei massiver Gewichtsreduktion ist oft als erstes ein unteres zirkuläres Bodylift angezeigt. Dabei wird der gesamte Hautüberschuss zwischen Nabel und Schamhügel bzw. Leistenregion vorne sowie an den Flanken und am Rücken entfernt. Außerdem wird das Gesäß neu geformt, das nach starker Gewichtsabnahme oft sehr flach ist. Häufig sind weitere Straffungen am Oberkörper, der Brust sowie an den Oberarmen und Oberschenkeln notwendig. Manche dieser Eingriffe können auch miteinander kombiniert werden. Im Bereich des Bauches ist häufig auch die Rekonstruktion des muskulären Korsetts notwendig. Dabei werden auseinander gewichene gerade Bauchmuskeln wieder in der Mittellinie vereint und Bruchlücken in der Bauchdecke verschlossen.
Nicht zuletzt hat die extreme Gewichtszunahme meist zu Dehnungsstreifen im Gewebe geführt, ähnlich wie in Schwangerschaften. Diese bilden sich von allein nicht zurück und können bei der Operation entfernt werden.

Übernehmen Krankenkassen die Kosten dafür?
Wiedner: Das ist eine Einzelfallentscheidung - je nach Ausprägung und gesundheitlichen Problemen können Kassen die Kosten übernehmen. Dazu muss vor der Operation ein entsprechender Antrag gestellt werden.

Warum nicht gleich eine Operation, um die überflüssigen Kilos loszuwerden?
Wiedner: Eine Operation ist nie ein Mittel zum Abnehmen. Auch eine Fettabsaugung ist nur für die Korrektur von einzelnen, störenden, lokalisierten Fettpölsterchen sinnvoll. Wenn die Fettschicht unter der Haut noch sehr dick ist, kommt es viel häufiger zu Komplikationen, wie z.B. Wundheilungsstörungen, Thrombosen oder Embolien. Die Wunden können leichter wieder aufreißen und sich infizieren, weil das Fettgewebe ein schlecht durchblutetes Gewebe ist und je dicker dieses ist, umso schlechter ist das Verhältnis von Gewebe zu Durchblutung. Auch ist eine Straffungsoperation nur sinnvoll, wenn ein deutlicher Hautüberschuss vorliegt. Das ist nur der Fall, wenn vorher eine relevante Menge an Fettgewebe durch Gewichtsabnahme abgebaut wurde. Außerdem gehört zur dauerhaften und stabilen Gewichtsreduktion eine Änderung des Lebensstils, die Betroffene sich antrainieren und dauerhaft etablieren müssen. Eine wirkliche Fettleibigkeit lässt sich nicht durch eine Operation beheben - aber bei der Lösung von Folgeproblemen können wir helfen.

Bleiben nach der Straffungsoperation Narben zurück?
Wiedner: Bei einer Operation, bei der überschüssiges Gewebe weggeschnitten wird, bleiben selbstverständlich Narben zurück. Die Erfahrung zeigt aber, dass der Wunsch nach einem ästhetischen Körperbild größer ist als die Sorge um Narben. Wie alle Narben verblassen diese nach circa einem Jahr, mit Methoden wie dem Medical Needling oder speziellen Salben können Narben zusätzlich behandelt werden.

Und wenn Betroffene trotz aller guten Vorsätze wieder extrem zunehmen?
Wiedner: Die Haut dehnt sich zwar erneut mit, wird aber noch unelastischer. Die Narben von der Operation werden natürlich auch breiter. Es ist unglaublich schade, wenn Patienten nach einem langen Weg doch wieder extrem zunehmen. Wenn wir Anzeichen dafür sehen, suchen wir intensiv das Gespräch mit dem Betroffenen und vermitteln eventuell an entsprechende Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen. Schließlich möchten wir - genauso wie der Betroffene - einen langfristigen Erfolg.

Ist die operative Therapie der Folgen extremer Gewichtsreduktion ein Luxus-Problem?
Wiedner: Auf der einen Seite ist das natürlich eine Frage des Blickwinkels. Aber in der Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation ist auch das psychische Wohlbefinden enthalten! Wenn Menschen es geschafft haben, sich von vielen überflüssigen Kilos zu befreien, sollten sie nicht unter den unvermeidbaren Folgen dieser Gewichtsreduktion leiden müssen.